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Online-Gruppen für Hochsensible. Hilft dir das Leid der anderen?

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„… Jetzt sag ich es mal. Ich finde nicht, dass ihr alle so unglaublich schlau seid oder sensibel. Ihr seid in meinen Augen nur Memmen, die den ganzen Tag Mimimi machen und von jedem immer Verständnis wollt, aber selber nicht bereit seid welches zu geben. Immer nur jammern. Das nervt. …“

Beim Lesen dieses Beitrags in einer Facebook Gruppe für Hochsensible Menschen musste ich heute morgen, anders als die allgemeine Empörung der kommentierenden Gruppenmitglieder, sehr schmunzeln. Denn er trifft im Kern das, was auch ich über einige dieser Gruppen und Foren denke. Ich würde es sicher anders ausdrücken und sehe diese Thematik auch etwas differenzierter, aber ganz offensichtlich ist dort jemandem einfach mal der Kragen geplatzt.
Zu Recht? 




Hilft das Leid der anderen?

Gruppen und Foren gibt es online und offline zu jedem erdenklichen Thema und Problem. Das Bedürfnis, sich auszutauschen und Erfahrungen zu teilen, ist riesig. So weit, so gut. Das war schon immer so. Grüppchenbildung, sich irgendwo zugehörig zu fühlen, sich mitzuteilen ist nicht erst mit den Möglichkeiten des Internets als ein menschliches Grundbedürfnis in die Köpfe eingezogen. 

Bei einer virtuellen Problemversammlung müssen wir jetzt aber niemandem mehr in die Augen schauen, wenn wir von unseren regelmäßigen Verstopfungen berichten, unseren unausstehlichen Arbeitskollegen, sexuellen Fantasien, körperlichen und seelischen Gebrechen, finanziellen Schwierigkeiten und all dem, was uns das Leben sonst einfach schwer macht. Es ist also nicht mehr so wichtig zu wissen, dass Nachbarin Ingrid auch ein scheiß Leben hat, es reicht allein zu wissen, dass man nicht alleine ist.

Inspiriert durch die obige Ansage eines – nun ehemaligen – Gruppenmitglieds, scrolle ich mich also mal weiter durch die Beiträge. Stundenlang. Denn es sind Unmengen. Für meine Arbeit ist es mir natürlich wichtig zu wissen, welche Schwierigkeiten und Gedanken in der hochsensiblen Gemeinschaft ausgetauscht werden. Privat halte ich mich allerdings ganz bewusst davon fern. Aus einem ganz klaren Grund: ich möchte nicht ständig in einer negativen Stimmung sein und Problemreise nach Jerusalem spielen.


Inmitten von Energieräubern?

Du kennst doch sicher, besonders wenn du (Hoch)Sensibel bist, die Menschen, die ständig nur jammern, gefühlt nur um des Jammerns willen, und von ihren Problemen berichten. Fünfundneunzigtausend Mal zugehört, Tipps gegeben, mögliche Lösungen diskutiert, Mitgefühl gezeigt. Irgendwann entfernt man sich von diesen Menschen, weil ohne diese Abgrenzung einfach keine Energie für einen selbst bleibt. Warum also tun wir uns das Online an? Nach zwei Stunden in dieser Facebook Gruppe, bin ich vollkommen leer gesaugt und erschrocken – dazu später mehr. Es ist eine Gruppe für hochsensible Menschen. Hochsensibilität ist keine fucking Krankheit. Gibt es denn rein gar nichts Schönes zu berichten? Sollten wir solche Gruppen nicht dazu nutzen, uns zu motivieren und gemeinsam zu lernen und zu wachsen?

Natürlich verstehe ich absolut, dass es das Bedürfnis gibt, einfach mal alles loszuwerden, was einem auf der Seele liegt. Das ist wichtig und richtig und es ist großartig, dass es diese Möglichkeiten online gibt. Damit geht allerdings auch der Wunsch einher, dass einem zugehört wird. Und dieses Gefühl habe ich eben nicht, wenn ich mich hier so umschaue. Man postet sehr persönliche Erlebnisse und Gedanken und sobald der Beitrag im Feed etwas nach unten gerutscht ist, was wahnsinnig schnell geht, bei der Menge an Beiträgen, ist auch das Problem dieses Menschen aus den Augen, aus dem Sinn. Nur nicht aus dem eigenen.

 

Lösungsorientiert? Leider nicht…

In den meisten Fällen bleiben die Konversationen ausschließlich auf der Problemebene. Es ist zwar vielleicht schön zu wissen, dass andere Menschen auch Probleme haben, aber eine Blume wächst nicht allein dadurch, dass sie sieht, dass die Blume neben ihr auch vertrocknet. Ich vermisse hier die positiven Impulse. Geschichten und Erlebnisse, die Mut machen. Tipps und Erkenntnisse, die einen voran bringen. Ich will einfach nicht glauben, dass sich in diesen Gruppen genau die Menschen versammeln, von denen sich andere in der echten Welt abwenden, weil sie mit ihrer negativen Einstellung ausschließlich Energie ziehen.

 

Gewollte Ausgrenzung?

Gerne werden auch sämtliche Merkmale der Andersartigkeit zusammengetragen. Als wenn es darum ginge, sich noch mehr von normal sensiblen Menschen abzugrenzen. Versteh ich persönlich nicht, aber ist auch nicht gefährlich und manchmal sogar ganz unterhaltsam. So ging es zum Beispiel in einem Beitrag um die Frage, ob es noch jemandem so ginge, dass man leichter Niesen kann, wenn man ins Licht guckt. Dann wird kollektiv im Internet geforscht wie die Weltmeister, wildeste Theorien aufgestellt, absurdeste Zusammenhänge hergestellt… Klar ist das spannend, für den ein oder anderen, aber es ist ein wunderschönes Beispiel dafür, dass in vielen Gruppen und Foren jeder Furz zu irgendeinem Symptom für irgendwas gemacht wird. Wir stellen also immer mehr Dinge fest, die uns noch andersartiger machen. Und irgendwann frage ich mich dann wirklich: wer grenzt hier eigentlich wen aus. Ich erfreue ich mich dann sehr an Kommentaren, wie: „Ich glaube, das ist normal.“

 

Und jetzt wird’s wirklich ernst! 

Denn mir fällt noch etwas auf, worüber ich wirklich keinen frechen Spruch mehr machen kann. Stichwort: Gefährliches Halb- bzw. Unwissen. In einer Gruppe für Hochsensible Menschen kommt es natürlich auch vor, dass psychische Erkrankungen – was die Hochsensibilität allein nicht ist – thematisiert werden. Und hier hat nun doch auf einmal jeder einen Ratschlag. Eine Frau schildert recht ausführlich und sehr offen ihre Situation. Unter anderem berichtet sie von einer diagnostizierten Posttraumatischen Belastungsstörung und einigen Psychotherapien. In den Kommentaren nun Feuer frei für alle selbsternannten Experten. Mir stockt der Atem, als ich dies hier lesen muss: Psychotherapie sei für eine Posttraumatische Belastungsstörung ungeeignet und unnötig, sie solle mal zu einem Osteopathen gehen. What????? Der Thread wurde wegen „hanebüchener Vorschläge“ von den Administratoren dieser Gruppe geschlossen. Für den Moment kann ich also weiter atmen. Aber es schmälert das Problem nicht, dass jeder ungehindert seinen, Entschuldigung, Mist in diese Gruppen tragen kann. In Gruppen und Foren für Hochsensible Menschen lese ich auch immer wieder gerne -NOT! die Reaktionen, wenn von Depressionen oder Angsterkrankungen berichtet wird und damit verbundenen Psychotherapeutischen Behandlungen. Denn ganz sicher ist es gar keine Depression oder Angsterkrankung, sondern nur die Hochsensibilität und ein besserer Umgang damit reicht schon aus. Und außerdem haben Psychotherapeuten sowieso keine Ahnung von Hochsensibilität. Ja, das mag in Einzelfällen tatsächlich so sein, aber bitte! Ich finde es absolut UNVERANTWORTLICH, dass eine Ferndiagnose von Hans Wurst aus Buxtehude über Depression oder Nicht Depression irgendwo, geschweige denn bei Betroffenen, Gehör findet. Einen hab ich noch. Es ging um Ängste und ein zugrunde liegendes Trauma. TRAUMA – das hat nichts mit pastellfarbenen Tagträumen in der Hängematte von Bienchen und Blumen zu tun. Wir sprechen hier von schweren psychischen Erschütterungen. Aber pass auf, hier die Lösung: Du solltest mal allein für dich „richtig rein gehen“ in das Thema und der Angst in die Augen blicken, dann gehts von alleine weg. Das grenzt wirklich an Körperverletzung. Natürlich kann niemand erwarten, dass sich jeder mit psychischen Erkrankungen auskennt, deren Entstehungen, Symptomen, Auswirkungen und möglichen Behandlungen. Aber wenn ich keine Ahnung habe, dann posaune ich nicht irgendeinen gefährlichen Scheiß in die Welt. Ich muss da wirklich so deutlich werden, weil es mich so wütend macht. Denn dies wird auch von Menschen gelesen, die verunsichert sind, denen es NICHT GUT geht und nach jedem Strohhalm greifen würden, der Ihnen Erleichterung verspricht. Häufig sind die Administratoren zur Stelle, aber diese Flut an Beiträgen und Kommentaren zu überprüfen, ist als „Hobby“ einfach nicht zu schaffen. Und selbst wenn, gibt es keine themenrelevante Prüfung für Gruppenadministratoren, sie handeln also auch nur nach bestem Wissen und Gewissen.

 

Sind also Gruppen und Foren immer schlecht?

Nein. Bestimmt nicht. Ich denke aber, dass es einen bewussten Umgang damit braucht. Denn auch in einer Gemeinschaft sind wir immer noch Individuen mit einer eigenen Geschichte und Erfahrungen, mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Wünschen. Wenn es dir gut tut, dich auszutauschen, ist das großartig! Wenn du aber das Gefühl hast, dass du noch tiefer zusammen gesackt bist, wenn du die Gruppe verlässt, dann ist es nicht DEINE Gruppe. Zumindest nicht für diesen Moment. Nimm das für dich mit, was dir hilft. Glaube nicht alles bedingungslos, was dort geteilt wird. Pass einfach auf dich auf und sorge gut für dich!


Austauschen: Ja! Aussaugen: Nein!

Alles liebe
Deine Marlene

 


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