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Hochsensibel fühlen

hochsensibel

Heute morgen wurde ich sehr unsanft aus dem Schlaf gerissen. Um 6 Uhr saß ich senkrecht und wie versteinert im Bett, als meine Nachbarin in ihrer Wohnung über mir heftigst die Tür knallte und schrie: „Verdammt noch mal, ich hab langsam echt die Schnauze voll davon.“ Viele Menschen wären wahrscheinlich von dem Knall aufgewacht, ganz normal soweit. Die Hochsensibilität bringt aber noch ein bißchen mehr Feuerwerk in die Situation. Denn es ist nicht nur ein Knall und ein lauter Schrei, also reine Geräuschbelästigung. Es sind Emotionen.

Wenn die Hochsensibilität besonders beim Fühlen und Erfassen von Stimmungen und Schwingungen ausgeprägt ist, erleben wir häufig, wie wir uns von diesen anstecken lassen. Ich spüre die Wut meiner Nachbarin, ich spüre durch die Wände die Spannung in der Wohnung über mir, ich spüre den Schreck des Angeschrienen. Ich spüre es, als wär das alles hier und mit mir geschehen. Dann gesellen sich zu den Emotionen natürlich Gedanken. Denn mein Kopf möchte gerne verstehen, warum hier emotional die Hölle los ist. Was ist wohl vorgefallen? Hoffentlich vertragen sie sich wieder, oh sie tun mir leid, hat sie jetzt in Schlafanzug die Wohnung verlassen? Wie sieht der wohl aus? Inklusive 2463748 mögliche Hintergrundgeschichten…

 

Besonders in angespannten Konfliktsituationen springen die Stimmungen und Schwingungen in Sekundenschnelle auf mich über. Das mag daran liegen, dass hochsensible Menschen in der Regel um Harmonie bemüht sind, um nicht den, wie ich finde, vorwurfsvollen Begriff der Harmoniesucht zu bemühen. Sonnige Glückseligkeit von Menschen um mich herum, hat seltener Lust, auch in mir für Stimmung zu sorgen. Wut, Aggression, Trauer, Enttäuschung haben da einfach mehr Power und fragen nicht erst freundlich, ob sie eingeladen sind.

 

Hochsensible Menschen sind sehr emphatisch

Eine außerordentliche Empathiefähigkeit ist eines der tollsten Features der Hochsensibilität. Finde ich. Sich wirklich in jemanden und seine Situation hinein versetzen zu können, statt es sich nur gedanklich vorzustellen, kann ganz tolle, wunderschön verbundene Momente entstehen lassen und so viel Nähe und Verständnis in Beziehungen erschaffen.

Also Empathie: geil! Aber nur, wenn wir sie unter Kontrolle haben und bewusst einsetzen. Uns bewusst öffnen und hingeben. Und genau das ist es ja, was den Umgang mit der eigenen Hochsensibilität so herausfordernd macht. Zu Lernen, sich abzugrenzen. Ohne sich dabei auszugrenzen. Zu lernen, die wundervollen Gaben und Fähigkeiten zu nutzen und sich nicht von ihnen und ihren Auswirkungen überrollen zu lassen. Denn Situationen, in denen das ohne Vorwarnung und Schutz passiert, wie mir heute morgen, gibt es ständig. 

Wenn wir zum Beispiel irgendwo in einer Schlange stehen und hinter uns zwei Menschen ein Streitgespräch führen, könnten wir uns eigentlich gleich umdrehen und mitmachen, denn wir fühlen es ja eh schon, als wären wir involviert. Allerdings würden wir dann ja auch noch die Augen einschalten. In Sekundenschnelle das äußere Erscheinungsbild beider gescannt: Aha, noch ein Krümel am Mundwinkel…mhh…ich denke mal Duplo, wahrscheinlich vom Vormittagsschokogelüst, ha süß, die eine Haarsträhne da hinten, die sich selbstständig macht, oh, etwas Wimperntusche verlaufen, oh nein, streiten sie vielleicht schon den ganzen Tag und es sind schon Tränen geflossen, ob sie wohl mit dem Auto beim Supermarkt sind und vorhin auf dem Parkplatz schon gestritten haben, was fahren sie wohl für ein Auto, oder vielleicht lief auch ein trauriger Song im Radio, ihre Bluse ist falsch geknöpft, kauft tatsächlich noch jemand Hühnerfrikassee… puh… same same… every Day…

Der Vorteil hier ist aber: wir können, mit etwas Übung, bewusst in der Situation sein. Das heisst auch, bewusst wahrnehmen, dass das, was wir fühlen, nicht unsere Emotionen sind, sondern die, des streitenden Paares hinter uns. Ich muss da öfter an Dirty Dancing denken. Das ist mein Tanzbereich, das ist dein Tanzbereich. Ich komm nicht in deinen, du kommst nicht in meinen. Kennst du? Geoutet, aber ohne Scham. 


Fühlen lernen

Je öfter wir die Situationen bewusst erfassen, in denen wir uns befinden, desto größer ist unsere Chance, die Stimmungen und Schwingungen zwar wahrzunehmen – denn wir bleiben dafür sensibel, ein Glück – aber sie auch einordnen zu können. Und auch lernen, Emotionen, die vom Nachbartisch auf uns übergeschwappt sind, schneller wieder, als nicht unsere eigenen, loszulassen. 


Ich fühle mich oft, als hätte ich keine Haut, keine Knochen, keine Muskeln. Nur Seele. Nur Gefühle. Nur Gedanken. Das macht manchmal Angst. Das ist manchmal wunderschön. Manchmal kann ich meine Außenwelt wunderbar aushalten, weil ich mir vorstelle, wie ich in einem geschützten Häuschen sitze und den Schneesturm durchs Fenster anschaue, manchmal stehe ich im Schneesturm. Und manchmal bin ich auch der Sturm. 


Mir hilft es in diesen Situationen, mir kurz einen Moment Zeit zu geben, inne zu halten, man kann es auch Meditation nennen…, um wirklich zu spüren, was gerade in mir vorgeht. Welche Emotion sich da zeigt und sie in die Situation einzuordnen, in der ich mich gerade befinde. Ist das meine Emotion? Nein. Dann lass ich sie los. Mit Leichtigkeit und tatsächlich auch ein bißchen Humor. Hey Kumpel, schön, dass du vorbei geschaut hast. Du bist großartig. Aber du darfst wieder eine Pause einlegen. War Fehlalarm. 

Eine andere Möglichkeit für mich ist, in den Körper zu kommen. Mich bewusst zu spüren. Meine Muskeln, meine Knochen, meine Haut. Denn das ist ja alles da. Ich klopfe meine Beine und Arme ab oder spanne ein paar Mal alle Muskeln bewusst an, wenn möglich, geh ich ein paar kraftvolle Schritte.


Situationen mit dem Verstand einzuordnen, bei mir zu bleiben, bewusst wahrzunehmen, was gerade geschieht – all das hilft, meine Hochsensibilität zu umarmen und nicht zu verfluchen. 


Ich liebe es, so viel und intensiv zu spüren und zu fühlen. Es fordert mich auch immer wieder heraus. Das gehört aber zur Hochsensibilität dazu. Das habe ich akzeptiert. Und mit jedem Mal, habe ich wieder die Chance, zu lernen und zu wachsen und vor allem (mich) noch FEINER zu FÜHLEN.


Erzähl mir doch gern von deinen Erlebnissen! 

Deine Marlene


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