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Den Moment in den Armen und das Ende im Blick

feinfühlen

Im Jetzt leben. Den Moment zum einzig wichtigen erklären. Nicht an morgen denken. Nicht an gestern. Nur sein. 

Du weißt ja mittlerweile, dass ich mich gern in meinen Erinnerungen suhle, wie ein Schweinchen im Dreck. Leidenschaftlich. Inbrünstig. Und auch, dass mein Kopf ein olympiawürdiger Sprinter ist und gerne schonmal gucken geht, auf was man sich denn möglicherweise so in zwei Wochen einstellen muss. Damit man eben jetzt schon damit beginnen kann. Sicherheitshalber. Dennoch gelingt es mir mittlerweile recht gut, das Gesuhle und Gerenne da oben freundlich zu unterbrechen und tatsächlich im Jetzt anzukommen. Manchmal gelingt es hervorragend, manchmal ist es Arbeit. Und manchmal will ich gar nicht im Jetzt sein, sondern träumen… egal in welche Richtung. Und Himmel, niemals würde ich das aufgeben, selbst wenn nicht nur die coolen Menschen in Berlin, sondern auch Eckhart aus Meppen und sein Hund nichts anderes sagen können als: Lebe im Hier und Jetzt. Nur das ist Leben. Wobei ehrlich gesagt Eckhart wahrscheinlich genau so schon lebt. Immer schon, ohne zu wissen, dass das der heisseste Persönlichkeitsentwicklungsshit ist.

Wir halten fest: zu lernen, wie man den Gedankenstrudel unterbrechen kann, ist großartig und das möchte ich wirklich jedem empfehlen. Den Moment voll auskosten, öfter mal inne halten und einfach nur SEIN – mega! Achtsam durchs Leben gehen – hell yeah! Nur wer ununterbrochen im Hier und Jetzt lebt, kann ein glückliches, wertvolles Leben führen – da bin ich raus, sorry!

Das Jetzt zu genießen, wenn die Zukunft also ungewiss und prinzipiell irgendwie alles möglich ist, ist das eine.

Wie ist es aber, wenn am Ende ein Stoppschild steht und nicht nur Kopf sondern auch Gefühle mitspielen wollen?

Genau, lets talk about Love oder eben nicht Love.

Eine Affaire (kein Betrug), eine Vergnügung auf Zeit, hat doch genau beides. Sie tut so, als würde es einzig und allein ums Hier und Jetzt gehen, kann aber nur mit einem Ende existieren. Zwei Menschen wollen den Moment miteinander teilen, bis man drei Sekunden am Stoppschild halten muss, nach rechts und links guckt, um dann getrennte Wege einzuschlagen. Perfekt für einige, für viele ist dabei jedoch wahrscheinlich nur beim Sex das einzig echte Hier und Jetzt Gefühl möglich. Auch wenn die wenigstens das zugeben. Denn so richtig fallen lassen, alles zulassen und genießen mit Blick auf ein fettes, rotes Stoppschild? Ich verstehe durchaus, dass genau dies auch irgendwie beruhigend sein kann. Das Stoppschild als Rettung vor Bindung, vor Verantwortung. Klar, versteh ich. Aber kennen Gefühle die Verkehrsregeln?

Wenn man sich also so richtig schön in zwei Arme und ins Hier und Jetzt eingekuschelt hat, muss sich doch nun der Kopf einschalten und in Anzug und Schlips mit einem Stoppschild vor deiner Nase patroullieren. Und weil er so gut auf uns aufpasst, hat er auch gleich den örtlichen Maurertrupp Angst mitgebracht, die den Beton für deine emotionale Mauer schon angemischt haben. Stehts zu ihren Diensten, weil, es hat doch keiner Bock auf Schmerzen. Auf diese Art von Schmerzen… Und nun frage ich mich nochmal: wie glücklich macht es, im Hier und Jetzt zu leben, wenn ein Ende in Sicht ist?

 

Was würdest du tun, wie würdest du leben, wenn du nur noch drei Tage zu leben hättest?
Lebe immer so, als sei es der letzte Tag deines Lebens!

What? Leuchtete mir noch nie ein. Ich will mir nicht anmaßen, mir vorstellen zu können, wie das wäre, weil verfluchte Scheiße, es gibt Menschen, die sich genau diese Fragen genau Jetzt stellen müssen. Aber ich möchte doch bezweifeln, dass dies Aussagen sind, die als lebe-im-Hier-und-Jetzt-Motivationsfloskeln geeignet sind. Und ganz nebenbei hoffe ich, dass sich niemand von euch diese Fragen in den nächsten 100 Jahren stellen muss.

 

Puh, ich habe noch nie Haterkommentare bekommen, aber jetzt grad mach ich mir Sorgen, wie ich denn geschmeidig wieder zur Affaire zurückkomme. Aber vielleicht hab ich es mir irgendwie zur Aufgabe gemacht, zwischendurch ein bisschen aufzuräumen in diesem Tschakka Motivationsdschungel, der doch so oft nur noch mehr Druck aufbaut, besonders bei den wundervollen Menschen, die genau das im Hier und Jetzt nicht gebrauchen können.

 

Und im Grunde geht es doch genau darum. Wie sehr kann man sich voll und ganz fallen lassen, alles aufsaugen, genießen, annehmen, wenn man schon weiß, dass es genau so nie mehr sein wird. Oder geht es genau dann besonders gut? Brauchen wir Stoppschilder? Hat der Moment weniger Bedeutung, wenn man ihn noch unzählige Male erleben kann? Aber genau diesen Moment gibt es doch eben nur genau JETZT?! Ja…es wird weitere Artikel dazu geben. Ganz sicher…


Ich weiß es also nicht. Ich weiß nicht, wie es gehen soll, voll und ganz im Moment zu SEIN, ohne sich vor einem harten Stoppschildaufprall zu schützen. Und auch das ist ja vollkommen ok und nicht unbedingt weniger aufregend. Aber echt? Glücklich? Frei?

 

Meine Gefühle haben keine Lust nur im Meditationskeller zu hocken. Sie wollen rausgucken, sie wollen sich zeigen, und wenn der Kopf eben nicht mehr zehn Schritte vorausdenkt, weil er das ja schon gelernt hat, dann übernimmt diese Aufgabe eben nun das Gefühl. Kann man´s verübeln?
Und ich liebe meine Gefühle. Alle. Auch die, die ein Imageproblem haben. Und ja, manchmal brate ich ihnen eins über. Aber niemals mit einem Stoppschild.

 

Und wie so oft steht doch wieder die Angst hinter allem. Die Angst vor Schmerzen, Angst verletzt zu werden, Angst vor Gefühlen, Angst vor der Angst. Und möglicherweise weiß ich doch, wie es geht. Vielleicht will die Angst auch einfach nur mal mit kuscheln.


Also kuschel ich mich ein. In zwei Arme, meine Angst und das Hier und Jetzt. Jeah. 

Auf die Liebe


PS: Aha, Marlene hat also eine Affaire. Nun… ich habe einen Kopf und ein Herz. Manchmal reicht das schon!

 

 

 

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